Der Glanz ihres Rosenkranzes

Das Feuer näherte sich dem Krankenhaus. Die Patienten wurden auf den Gipfel eines nahen Hügels evakuiert. Nagai verausgabte sich dabei bis an die Grenze seiner Kraft. Um sechzehn Uhr griff das Feuer auf die radiologische Abteilung über. Dreizehn Jahre Forschungsarbeit, die Instrumente, die wertvolle Dokumentation, alles ging in Rauch auf. Der 10. August war von der Versorgung der Verwundeten in Anspruch genommen. Am 11. August, als die Arbeit ein bisschen weniger drängte, ging Takashi los, um Midori zu suchen, die zu Hause geblieben war, während die Kinder mit ihrer Großmutter seit dem 7. August in den Bergen in Sicherheit waren. Nur schwer fand er auf einem Gelände voller Schutt und Asche den Platz seiner Behausung wieder. Plötzlich erblickte er die verkohlten Überreste seiner Frau. Auf Knien betete und weinte er und sammelte dann ihre Gebeine in ein Gefäß. Plötzlich glänzte etwas schwach im Staub der Knochen der rechten Hand auf: ihr Rosenkranz!

Er senkte den Kopf: "Mein Gott, ich danke dir, dass du ihr erlaubt hast, beim Beten zu sterben. Maria, du Mutter der Schmerzen, Dank dafür, dass du sie in der Stunde des Todes begleitet hast... Jesus, du hast das schwere Kreuz getragen, bis du gekreuzigt wurdest. Nun hast du gerade ein Licht des Friedens über das Geheimnis des Leidens und des Todes von Midori und von mir gebreitet... Ein seltsames Schicksal: Ich hatte so geglaubt, dass Midori mich zum Grab geleiten würde... Jetzt ruhen ihre Reste in meinen Armen... Ihre Stimme scheint zu murmeln: Vergib, vergib." Die Vergebung Nagais war vollkommen. Er wollte die durch den Verlust ihrer Familie entmutigten Christen gern zu der Einsicht bringen, dass die Atombombe Teil der Vorsehung Gottes war, der aus dem Bösen stets Gutes hervorgehen lässt.

Am 15. August 1945 wurde mittags im Rundfunk eine Botschaft des Kaisers gesendet, die die Kapitulation Japans ankündigte. Anfang September lag Nagai im Sterben. Die Strahlung der Atombombe hatte sein Leiden verschlimmert. Er empfing die letzten Sakramente und sagte: "Ich sterbe zufrieden." Daraufhin fiel er in ein Halbkoma. Man brachte ihm Wasser aus der Lourdesgrotte, die dort in der Nähe von Pater Maximilian Kolbe erbaut worden war. "Ich hörte eine Stimme", schrieb er später, "die mir sagte, ich solle Pater Kolbe darum bitten, für mich zu beten. Ich tat es. Dann wandte ich mich an Christus und sagte ihm: ‘Herr, ich gebe mich in deine göttlichen Hände’." Am nächsten Morgen war Takashi außer Gefahr; die sechs Jahre Aufschub, die ihm von der Krankheit gewährt wurden, schrieb er dem heute heilig gesprochenen Pater Kolbe zu.

,,Ich will als Erster dort leben!"

Während die Einwohner sich davor fürchteten, nach Urakami zurückzukehren, erklärte Nagai: "Ich will als Erster dort leben!" Er baute sich in der Nähe seines alten Hauses eine Hütte aus einigen gegen einen Mauerrest gestützten Blechplatten. Davor stand ein Behelfsherd aus zwei Steinen mit einem Kessel darüber. Daneben eine alte Flasche ohne Hals: der Wasservorrat. Als Kleidung: eine Marineuniform, die von der Armee an Bedürftige verteilt worden war. Er begann die Trümmer seines Hauses aufzuräumen. Dabei entdeckte er das Kruzifix vom Familienaltar: "Alles ist mir genommen worden", sagte er. "Nur dieses Kruzifix habe ich wiedergefunden."

Am 23. November 1945 war Nagai eingeladen, bei einem Requiem neben den Ruinen der Kathedrale von Urakami das Wort zu ergreifen. Die Ermordung Christi auf dem Kalvarienberg erleuchtete für ihn den "Holocaust" von Nagasaki und verlieh ihm Sinn: "Am Morgen des 9. August explodierte eine Atombombe über unserer Vorstadt", sagte Takashi. "In einem Augenblick wurden 8 000 Christen zu Gott gerufen... Um Mitternacht fing an diesem Abend unsere Kathedrale plötzlich Feuer und brannte nieder. Im gleichen Moment gab seine Majestät, der Kaiser, ihren Entschluss bekannt... Der kaiserliche Erlass wurde am 15. August offiziell bekannt gegeben, und die ganze Welt erblickte das Licht des Friedens. Der 15. August ist auch das große Fest der Himmelfahrt Mariä. Nicht umsonst war ihr die Kathedrale von Urakami geweiht... Gibt es nicht eine tiefe Verbindung zwischen der Vernichtung dieser christlichen Stadt und dem Ende des Krieges? War Nagasaki nicht das auserwählte Opfer, das makellose Lamm, der auf dem Opferaltar dargebrachte Holocaust, getötet für die Sünden aller Nationen während des Zweiten Weltkrieges?... Seien wir dankbar dafür, dass Nagasaki auserwählt worden ist!"

Im Frühjahr 1947 zwang die Krankheit Takashi aufs Krankenlager in seiner Hütte. Er musste von seinem Amt als Professor zurücktreten und war so ohne Einkünfte. "Mein Kopf arbeitet noch", sagte er sich. "Die Augen, die Ohren, die Hände und die Finger sind noch gut." Und er begann zu schreiben. Für seine noch recht jungen Kinder, Makoto und Kayano, verfasste er eine Sammlung von Ratschlägen: "Meine lieben Kinder, liebt euren Nächsten wie euch selbst. Das ist das Wort, das ich euch hinterlasse. Mit diesem Wort werde ich diese Schrift beginnen, vielleicht auch beenden und auch das Gesagte zusammenfassen." Sein Vorbild hätte schon ausgereicht, damit sich diese Botschaft ihren Herzen einprägte.

Er schrieb auf dem Rücken liegend auf einem Zeichenbrettchen, wie es die Schüler benutzen. Es blieb ihm öfters nur noch die Nacht zum Schreiben, denn es kamen am Tag viele Besucher; doch er zeigte ihnen gegenüber keine Ungeduld: "Das ermüdet mich, aber wenn sie so freundlich sind, hierher zu kommen, muss ich mich nicht bemühen, ein bisschen Freude in ihre Herzen zu gießen und ihnen von unserer katholischen Hoffnung erzählen? Ich kann sie nicht fortschicken."

Unter diesen schwierigen Bedingungen schrieb und veröffentlichte er fünfzehn Bände in vier Jahren. Welches Ziel hatte er sich bei diesen Schriften gesetzt? Zunächst wollte er einen getreuen Bericht über die Atomexplosion geben, und zwar auf Grund seiner außergewöhnlichen Erfahrung und seiner persönlichen Kompetenz, und dann an der Verankerung des Friedens arbeiten. In der festen Überzeugung, dass ein dauerhafter Frieden nur im Geiste der Liebe errichtet werden kann, die sich in der katholischen Lehre widerspiegelt, betrachtete er es als seine Berufung, die christliche Botschaft zu verbreiten.

Fortsetzung: Das Ende


   

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