Die Wende: Blaise Pascal "Pensées"

Eines Nachts wurde Takashi plötzlich von Herrn Moriyama geweckt: Midori wand sich in ihrem Bett vor Schmerzen. Ganz rasch diagnostizierte der junge Arzt eine akute Blinddarmentzündung. Er hörte Herrn Moriyama murmeln: "Es ist der Wille Gottes. Wer weiß, ob nicht etwas Gutes dabei herauskommt?" Trotz des reichlich liegenden Schnees trug Takashi die junge Frau bis zum Krankenhaus, während Herr Moriyama mit einer Laterne vorneweg leuchtete. Unterwegs merkte Takashi, wie der Puls Midoris zu jagen begann und sie vor Fieber glühte. Ihr Leben war in Gefahr. Er lief schneller. Endlich, das Krankenhaus! Der Operationssaal war vorbereitet. Sieben Minuten später war alles vorbei. Midori war gerettet. Sie versuchte von da an aus Dankbarkeit alles, um ihren Retter zur Bekehrung zu bewegen.

Im folgenden Jahr wurde Takashi zur japanischen Armee eingezogen und in die Mandschurei entsandt, um gegen die Chinesen zu kämpfen. In einem Paket von Midori an ihn lag ein kleiner Katechismus, den er mit Interesse las. Nach einem Jahr kehrte er beinahe verzweifelt nach Hause zurück, da er sich der Zerrüttung seines Lebens bewusst geworden war und die Schrekken des Krieges noch deutlich vor Augen hatte. Er begab sich in die Kathedrale von Nagasaki und traf dort einen japanischen Priester, der sich viel Zeit für ihn nahm. Mit neuem Mut nahm Takashi seine Arbeit als Radiologe wieder auf und begann die Bibel, die Liturgie und die katholische Lehre zu studieren. Doch die moralischen Anforderungen des Evangeliums und die Notwendigkeit, sich von den schintoistischen religiösen Bindungen seiner Familie zu lösen, hinderten ihn noch immer an der Bekehrung. Eines Tages, als er gerade von Zweifeln geplagt wurde, nahm er wieder die "Pensées" von Pascal zur Hand; sein Blick fiel auf einen Satz, der seine Aufmerksamkeit fesselte: "Der Glaube bringt genug Licht für diejenigen, die glauben wollen, und genug Schatten, um diejenigen mit Blindheit zu schlagen, die es nicht wollen." Plötzlich wurde ihm alles klar. Er fasste sich ein Herz und bat um die Taufe, die er im Juni 1934 empfing. Er entschied sich für den Namen "Paul", im Gedenken an den heiligen Paul Miki, einen japanischen Märtyrer, der 1597 in Nagasaki gekreuzigt wurde.

Zwei Monate später heiratete er Midori. Zuvor hatte er sie absichtlich mit den großen Gefahren vertraut gemacht, denen er durch seinen Beruf ausgesetzt war. Denn die Radiologen jener Zeit verfügten nicht über die Mittel, um sich hinreichend gegen die Röntgenstrahlen zu schützen. Midori erkannte die Lebensgefahr für Takashi, und doch schloss sie sich seinen Ansichten an und teilte seinen "Pioniergeist", um Menschenleben zu retten. Nagai wurde mehr als ein Arzt, er wurde ein Apostel der Nächstenliebe. Er schrieb: "Die Pflicht des Arztes besteht darin, mit seinen Patienten zu leiden, sich mit ihnen zu freuen und ihre Leiden zu lindern zu trachten, als wären es seine eigenen. Man muss Mitgefühl für ihre Schmerzen haben. Letzten Endes wird nämlich der Kranke nicht durch den Arzt geheilt, sondern nur, weil es Gott so gefällt. Sobald man das begriffen hat, führt die medizinische Diagnose zum Gebet."

Von Juni 1937 bis März 1940 erneut mobilisiert, nahm er als Arzt am chinesisch-japanischen Krieg teil. Sein Einsatz für alle, ob japanische oder chinesische Militärs, Frauen, Kinder und Alte, die schonungslos in entsetzliche Metzeleien verwickelt wurden, hat heroische Ausmaße angenommen. Bei seiner Rückkehr nach Japan stieg die Nachfrage nach Röntgenaufnahmen immer mehr. Bald entdeckte Takashi beunruhigende Spuren an seinen Händen; zudem fühlte er sich oft erschöpft. Er vertraute seinem Tagebuch an, dass er mitunter, wenn er sich völlig erloschen fühlte, seine Tür absperrte und sich in seinem Büro vor die Statue Marias setzte. Er betete den Rosenkranz und gewann so nach und nach seinen inneren Frieden wieder.

Noch drei Jahre zu leben

Ein Kollege überredete Takashi, eine Röntgenaufnahme von sich selbst zu machen. An einem Junimorgen im Jahre 1945 schritt er zur Tat. "Machen Sie den Apparat bereit", sagte er zu seiner Sprechstundenhilfe. "Aber Doktor, es ist noch kein Patient da." S "Hier ist der Patient", antwortete Nagai und zeigte auf seine Brust. "Und der Arzt?" S "Der ist hier!", sagte er und wies auf seine Augen. Beim Anblick der Aufnahme blieb Nagai die Luft weg: Auf der linken Seite zeigte sich ein großer schwarzer Fleck: eine Vergrößerung der Milz! Die Diagnose lautete: Leukämie. Takashi murmelte: "Herr, ich bin nur ein unnützer Diener. Behüte Midori und unsere beiden Kinder. Mir geschehe nach deinem Willen." Doktor Kageura, der Leiter der Abteilung für innere Medizin, bestätigte seine Analyse: "Chronische Leukämie. Lebenserwartung: drei Jahre." Er hatte sein Leben für die Rettung unzähliger Kranker verbraucht, die niemand außer ihm hätte röntgen können.

Gleich nach seiner Heimkehr enthüllte er Midori alles. Diese kniete vor dem Kruzifix nieder, das ihre Familie während der 250 Jahre langen Verfolgung bewahrt hatte, und betete lange, von Schluchzen geschüttelt, bis wieder Friede in ihre Seele einkehrte. Nagai betete ebenfalls; er wurde von Gewissensbissen geplagt bei dem Gedanken, dass er sich stets kopfüber in die Arbeit gestürzt hatte, ohne genug an seine Frau gedacht zu haben. Doch Midori zeigte sich der Situation gewachsen. Am nächsten Tag kehrte ein ganz anderer Mann zur Arbeit zurück: Die völlige Hinnahme der Tragödie durch Midori und ihre Weigerung, ihn von "Vernachlässigung" sprechen zu hören, hatten ihm neue Kraft geschenkt.

9. August 1945, elf Uhr und zwei Minuten. Ein blendender Blitz. In Urakami, dem nördlichen Viertel von Nagasaki, war gerade eine Atombombe explodiert. Im Krieg gegen Japan hatten die Regierenden der Vereinigten Staaten eine schreckliche neue Waffe eingesetzt: die Atombombe. Eine erste wurde über Hiroshima abgeworfen, eine zweite verwüstete Nagasaki: Temperaturen von 9000 Grad, 72000 Tote, 100000 Verletzte. An der Medizinischen Universität, 700 Meter vom Zentrum der Explosion entfernt, wurde Nagai, der gerade Filme mit Röntgenaufnahmen ordnete, zu Boden geschleudert, seine Seite von Glassplittern durchsiebt. Über seine rechte Stirnhälfte floss reichlich Blut... Gegenstände wurden wie tote Blätter im Herbst durch die Luft gewirbelt. Bald begann eine ununterbrochene Flut von Verletzten: blutende Gestalten mit zerrissenen Kleidern und versengten Haaren strömten zur Krankenhauspforte... Eine Schreckensvision.

Fortsetzung: Die Atombombe explodiert


   

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